Interview mit: Dr. Karsten Neumann

Partner bei Roland Berger 

Interview mit Dr. Karsten Neumann

“Es wird für die Krankenversicherungen trotz aller Bemühungen noch eine Herausforderung, auch von ihren gesunden Kunden als erster Ansprechpartner gesehen zu werden. Wenn es uns gut geht, sind uns andere Anbieter oft näher.”

Dr. Magnus Kobel im Gespräch mit Dr. Karsten Neumann über den digitalen Wandel in der Gesundheitsbranche

Über Dr. Karsten Neumann

Dr. Karsten Neumann ist Partner im Digital Competence Center von Roland Berger in Berlin. Er verfügt über mehr als achtzehn Jahre Erfahrung in der Beratung und Forschung im Gesundheitswesen und hat für Krankenkassen, Krankenhäuser, die Gesundheitsbranche und in der Gesundheitspolitik zu verschiedenen Themen gearbeitet. Im Jahr 2001 begann Karsten Neumann seine Beratungskarriere bei Roland Berger. Er arbeitete zwölf Jahre in den Competence Centern Public Services und Pharma & Healthcare und leitete zuletzt die Practice Group Payors & Politics. Von 2012 bis 2017 war er Geschäftsführer im IGES Institut, einem privaten Think Tank für Forschung und Beratung im Gesundheitswesen in Berlin. Inzwischen ist er im Digital Hub "Spielfeld" von Roland Berger für die digitale Gesundheit zuständig und steuert die digitalen Aktivitäten mit Kunden aus allen Bereichen des Pharma- und Gesundheitsmarktes.

Karsten Neumann hat an der Universität Freiburg in Neuerer Geschichte promoviert.

Magnus

Euer Team hat vor kurzem die Ergebnisse der Studie „Future of Health“ veröffentlicht. Was genau habt ihr dabei wie untersucht?

Karsten

Wir haben 400 internationale Gesundheitsexperten zu ihren Zukunftserwartungen befragt – zu Technologien, Rollenverteilung im Gesundheitswesen und neuen Möglichkeiten für Kunden.

Magnus

Fangen wir beim Wichtigsten an: den Versicherten bzw. Kunden des Gesundheitswesens – also bei uns allen. Welche Erwartungshaltung haben die Versicherten an die Zukunft der Gesundheit?

Karsten

Unsere Experten erwarten für die Versicherten starke Veränderungen in der Beeinflussung des Lebensstils durch digitale Helfer, in der Handhabung von Daten sowie auch in der Beratung durch die Versicherungen zur richtigen Behandlung.

Magnus

Der Untertitel der Studie lautet: „Eine Branche digitalisiert sich – radikaler als erwartet“. Welche Studienergebnisse haben Dich hinsichtlich der Radikalität persönlich am meisten überrascht?

Karsten

Es hat mich überrascht und gefreut, dass die Experten einen gewaltigen digitalen Gesundheitsmarkt erwarten – 8% des Marktvolumens oder 155 Mrd. EUR in der EU für 2025. Interessant und mutig fand ich auch, dass fast 80% erwarten, dass Krankenversicherungen ihre Kunden digital zu bevorzugten Anbietern steuern werden.

Magnus

Das klingt zunächst etwas bedrohlich. Wie würdest Du den Begriff “Steuern” in diesem Fall definieren? Welchen Nutzen haben die Versicherten?

Karsten

Wenn das "Steuern" bedeutet, dass die Versicherer ihren Kunden qualifizierte Ratschläge zu den richtigen Behandlungen und Behandlern geben, kann das ein großer Vorteil sein, denn heute fehlt den Kunden jede Vergleichsmöglichkeit zur Auswahl des besten Krankenhauses. (Zumindest sind die Portale, die zur Verfügung stehen, für Laien schwer zu analysieren.) Echte Einschränkungen der Wahlfreiheit sagt die Studie nicht voraus.

Magnus

80% der Befragten schätzen, dass Lifestyle-Veränderungen den Gesundheitsmarkt verändern können, aber nur ein Drittel glaubt, dass Versicherungen die treibende Kraft hierfür sein werden. Wie passt das zusammen?

Karsten

Die logische Schlussfolgerung wäre, dass die Lebensstilveränderungen von anderen Akteuren getrieben werden, bspw. Startups oder Technologiekonzernen, die heute schon im Alltag der Kunden präsent sind. – Die Einschätzung der Experten scheint mir hier durchaus nachvollziehbar, denn es wird für die Krankenversicherungen trotz aller Bemühungen noch eine Herausforderung, von den Kunden auch dann als Ansprechpartner gesehen zu werden, wenn sie gesund sind. Wenn es uns gut geht, sind uns andere Anbieter oft näher.

Magnus

In der Studie ist die Rede von den großen Tech-Konzernen wie Amazon, Google, Facebook & Co, die als neue Wettbewerber auf den Gesundheitsmarkt drängen. Wie sollen traditionelle Versicherer, die zudem auch noch allerlei gesetzlichen Vorschriften unterliegen, gegen diese digitalen Übermächte ankommen?

Karsten

Der Eintritt in den Gesundheitsmarkt wäre in den stark regulierten Systemen Westeuropas auch für Technologiekonzerne aus Ost und West nicht einfach. Zudem wächst das Misstrauen der Kunden nach den jüngsten Datenskandalen. Das gibt traditionellen Versicherern noch etwas Zeit. Wenn sie mit den Konzernen kooperieren, kann man viele Vorteile aus dem Besten beider Welten ziehen. Die Kundenorientierung und Prozessexzellenz der Technologiefirmen mit der Gesundheitskompetenz und Vertrauenswürdigkeit der Krankenversicherungen.

Magnus

In der Studie wird beschrieben, dass wir bis 2025 mit einer Verfünffachung des globalen Datenvolumens im Gesundheitswesen rechnen können. Wie kann sichergestellt werden, dass die persönlichen Gesundheitsdaten weiterhin geschützt bleiben?

Karsten

Darauf gibt es keine einfache Antwort, denn wir haben in den letzten Jahren erleben müssen, dass jede Art von Institutionen bis hin zum Pentagon "gehackt" wurde. Vielleicht müssen wir in Kauf nehmen, dass Technologie immer mit Nachteilen verbunden ist. Zum Beispiel akzeptieren wir als Gesellschaft die Existenz des Autoverkehrs trotz Tausender von Todesfällen und setzen uns in voller Kenntnis der Risiken auch selbst in Autos. Offenbar sind uns die Vorteile mehr wert als die Gefahren. – Auch bei Gesundheitsdaten ist eine Güterabwägung erforderlich. Ihre Nutzung in der Epidemiologie und Prädiktion kann für jeden von uns im Krankheitsfall überlebenswichtige Vorteile schaffen. Gleichzeitig müssen wir die Möglichkeit von Datenlecks akzeptieren, auch wenn selbstverständlich allerstrengste Sicherheitsvorkehrungen zu treffen sind. M.E. ist das BMG hier mit dem Digitalen Versorgungsgesetz (DVG) auf dem richtigen Weg. 

Magnus

Sieben von zehn Befragten rechnen damit, dass Versicherte den Versicherungen Daten zu ihrer Lebensführung zur Verfügung stellen, um Vorteile wie bessere Konditionen zu erhalten. Welche Rolle wird digital-gestützte Prävention insgesamt in der Zukunft der Gesundheit spielen?

Karsten

In der verhaltensorientierten Primär- und Tertiärprävention (vor oder nach Eintritt von Krankheit) wird der Erfolg der digitalen Anwendungen von ihrer Wirksamkeit abhängen. Je besser psychologische und motivatorische Mechanismen verstanden und angewendet werden, umso größer wird die Bedeutung entsprechender Programme. In der Sekundärprävention, also der Früherkennung erwarte ich eine stärkere Rolle in passiven Frühwarnsystemen, die den Nutzer überwachen, ohne dass er sich aktiven Tests unterzieht. Trotz aller begründeten Hoffnung haben wir allerdings in beiden Bereichen noch einen gewissen Weg vor uns.

Magnus

Wie lautet Deine Empfehlung für Startups, die in den Markt eintreten bzw. sich gerade etablieren hinsichtlich Kooperationen mit einem noch recht konventionellen Versicherungssystem. Wie können Startups den Zugang finden und ihr digitales Verständnis einbringen ohne zu überfordern?

Karsten

Startups sollten neben der Lösung eines medizinischen Problems – auf der häufig der Fokus liegt – auch die Bedingungen des Gesundheitswesens und die Eigeninteressen der Akteure mitdenken. Hier entsteht manchmal leider eine kuriose Logik. So wäre eine Anwendung, die bspw. Krankenhausaufenthalte verkürzt, aus Sicht von Krankenversicherungen nicht unbedingt von Vorteil, weil sie erwarten würden, dass die frei gewordenen Betten mit zusätzlichen Fällen/Patienten belegt werden und ihre Kosten dadurch steigen. – Solche und ähnliche Effekte sollten von Startups mit berücksichtigt werden, um ihren potenziellen Partnern von Anfang an ein attraktives Angebot zu machen.

Magnus

Für das Jahr 2025 prognostiziert die Studie ein digitales Ökosystem Gesundheit mit mehr Kooperationen bei den sich überlappenden Rollen. Welche Rolle haben dabei Startups und was empfiehlst Du Startups hinsichtlich eines Markteintritts in das digitale Gesundheitswesen?

Karsten

Es ist eine starke Ausdifferenzierung von Rollen vorstellbar. Einige Startups werden es alleine schaffen, sich als "Grown-ups" im Gesundheitsmarkt zu behaupten. In anderen Bereichen mit starker Konkurrenz sind Szenarien der Konsolidierung vorstellbar, wo ein Player seine Konkurrenten schluckt (vergleichbar mit dem Markt der Essenslieferungen). Wieder andere Startups werden in Ökosystemen unterkommen und/oder ihre Produkte als White Label an Versicherer oder Industrieunternehmen auslizensieren.

Magnus

Eine persönliche Frage: Welche digitalen Gesundheitshelfer nutzt Du selber?

Karsten

Beruflich bedingt probiere ich natürlich vieles aus. Neben YAS habe ich auch ADA sowie Apps für Fitness, Meditation, orthopädisches Training und Stress-/Schlafmanagement installiert. Die tatsächliche Nutzung fokussiert sich aufs Schrittezählen und Meditation.

Magnus

Wo kann man die Studie “Future of Health” erhalten?

Karsten

Sie steht zum Download auf unserer Webseite bereit, und wir freuen uns über jeden Kommentar dazu.

Magnus

Hast Du ein Motto, nach dem Du lebst?

Karsten

Variatio delectat – Verschiedenes ausprobieren und immer neugierig sein.

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